Zwischentöne -
Kammermusikfestival Engelberg

25. bis 27. Oktober 2019

"Ainsi la Nuit"



Ainsi la nuit - die Nacht, wie ist sie?

Sind wir doch ehrlich, wir lieben „die schönen Stellen“ in der Musik, auch wenn sich Theodor W. Adorno, oft schlecht gelaunt, gerne abfällig über derartige Vorlieben geäussert hat. Eine der schönsten aller „schönen Stellen“ ist beispielsweise gleich zu Beginn von Joseph Haydns Schöpfung die Stelle, wenn der Chor im Pianissimo singt „Und der Geist Gottes schwebte auf der Fläche des Wassers“ und Haydn Gott dann rufen lässt: „Es werde Licht“ und der Komponist mit Hilfe des lieben Gottes es dann Licht werden lässt und das in einem unendlich grossen, grossartigen Alle und Alles erfassenden und strahlenden C-Dur- Akkord. „Es ward Licht“ und aus dem ewigen Dunkel wurde der helle, der lichte Tag. Ein Höhepunkt der Klassik! Das Apollinische triumphierte. Erst im 19. Jahrhundert, im Jahrhundert in dem die Romantik aufblühte, begann man, zumal in der Musik, dem Dionysischen sich hinzugeben. Jetzt wurde die Nacht zum Thema und die „schönen Stellen“ klingen ganz anders. Weniger strahlend, mehr kontemplativ und melancholisch, zuweilen sehr erregt, meist poetisch eine Geschichte erzählend. Die Nächte sind eben nicht allein zum Schlafen da, sie sind nicht nur Orte der Stille und des Träumens. Sie werden erlebt und belebt. Sie werden mitunter zum Ort des Rauschhaften, gar der Ekstase. Sehnsuchtsvoll sind die Träume wie bei Wagner in seinen Wesendonck-Liedern, wie bei Schumann und Schubert: „Nacht und Träume“ ist der Titel eines der bewegendsten Lieder Schuberts. Es endet sehnsuchtsvoll mit der Bitte: „Holde Träume kehret wieder“.

Das 19. Jahrhundert war das Jahrhundert des Nocturnes. Freilich gab es schon im 18. Jahrhundert Nachtmusiken, nicht nur die gar nicht so unbedeutende „kleine“ von Mozart. Aber im 19. Jahrhundert haben sich viele Komponisten von der Nacht inspirieren lassen. Mendelssohn hat eine unvergleichliche Sommernachtstraum-Musik geschrieben. Von Schumann sind die Nachtstücke im Programm des Festivals. Von Debussy kennen wir die Trois nocturnes. Doch Chopin war zweifellos der Meister des Genres der Nocturnes. Bei ihm sind sie alles andere als eine Musik zur guten Nacht, beruhigend und träumerisch. Im Gegenteil. Sie sind fast alle in der A-B-A Form geschrieben. Wobei der B-Teil meist einen dramatischen Blick auf die Nacht wirft, bevor dann wieder die anfängliche Ruhe einkehrt. Robert Schumann hatte eine besondere Affinität zu Nächtlichem. Seine Träumerei kennt jeder. Aber die Traumeswirren (aus op.12) und ganz sicher auch das dritte Stück der Nachtstücke op.23 („Nächtliches Gelage“) zeigen die unruhigen und Schumann wohl immer wieder beunruhigenden Momente nächtlicher Erfahrungen.

Im Zentrum des Programms der diesjährigen Zwischentöne stehen zwei der bedeutendsten Kammermusikwerke des 20. Jahrhunderts: Schönbergs Verklärte Nacht und Ainsi la nuit von Henri Dutilleux. Schönbergs Werk – kurz vor der Jahrhundertwende 1899 entstanden – erlebte seine Uraufführung 1902 in Wien und diese unter den auch damals üblichen lautstarken Protesten. Die Verklärte Nacht ist zweifellos der Höhepunkt spätromantischer Kammermusik. Sie steht am Anfang eines Jahrhunderts das so viel Unheil bringen sollte und auch in den Künsten nicht enden wollende Umwälzungen auslöste. Noch ist nichts zu ahnen von jenem Schönberg, der mit der Tonalität bricht. Bald schon lässt er sie ganz sein und steigt in den Elfenbeinturm der Zwölftontechnik um dort eine neue Freiheit zu finden. Sie führt zu einem musikalischen Stil und Ausdruck, der für ihn und viele Neuerer perspektivenreich ist, aber das allgemeine Publikum befremdet.

Henri Dutilleux, jeder Zoll ein Franzose, als Persönlichkeit wie als Komponist, setzte keineswegs unbekümmert die Tradition von Debussy, Ravel und vielen andern fort. Er fand zu einer eigenen Musiksprache, in der er bis ins hohe Alter etwas zu sagen hatte. In seinem einzigen Streichquartett, Ainsi la nuit, spürt er dem Wesen der Nacht nach und lässt es Klanggestalt werden.

Das Faszinierende an der Gegenüberstellung der beiden Werke liegt in ihren Gemeinsamkeiten. Beide haben ihr Thema: die Nacht. Schönberg schreibt Programmmusik und dies zu Zeiten, wo sie immer weniger schicklich war und in Wien heftig abgelehnt wurde. Ein Gedicht von Dehmel liegt als Programm zugrunde. Ein Liebespaar ergeht sich in einer kalten, vom Mond beschienenen Nacht. Sie erklärt ihm, dass sie von einem anderen Mann schwanger ist und er, der neue Geliebte, gerührt von allem und von der Stimmung der Nacht überwältigt, erklärt dass er das Kind wie sein eigenes annehmen wird. Das nächtliche Erlebnis, Geständnis und Verzeihen verklärt alles und damit auch die Nacht. Sie erscheint in einem neuen Licht. Schönberg entwirft eine hinreissende hochdramatische Musik, die alles aufbietet, was an Möglichkeiten der Klangentfaltung die Musik zur Zeit dieser Jahrhundertwende zu bieten hat. Die Zeitgenossen haben viel Wagner in dieser Musik herausgehört. Aber der wesentliche Bezugspunkt war für Schönberg Johannes Brahms und dessen Umgang mit thematischem Material. Er hat nicht grosse Themenblöcke erarbeitet und bearbeitet. Im Gegenteil. Schönberg nimmt die Themen oder auch Partikel seiner Themen und variiert sie ständig, schattiert sie neu, sodass sie in dramatischen wie in den ruhigen Passagen immer wieder eine veränderte Gestalt annehmen.

Ganz ähnlich verfährt Henri Dutilleux 75 Jahre später in seinem Streichquartett Ainsi la nuit. Er nennt sein Verfahren croissance progressive. Sein thematisches Material entwickelt auch er ständig weiter. Er beginnt mit einem Nocturne, dem er einen Akkord voranstellt. Beim Zuhören entdeckt man immer wieder Klangelemente, die man bereits gehört hat, oder glaubt, sie gehört zu haben. Im Verlauf des sehr expressiven Stückes werden die Themen, die Klangfiguren zu einem immer dichteren Ganzen zusammengeführt. Für ihn scheint die Nacht etwas zu sein, was sich aus Undeutlichem, zunächst auch nicht Zusammengehörendem nur langsam zu einem überzeugendem Ganzen entwickelt. So ist eben die Nacht, die sich aus bewusstem und unbewusstem Erinnern zusammenfügt. Seine Musik ist, wie Henri Dutilleux selbst sagt, „niemals gradlinig, nie ebenmässig, nie vorhersehbar, aber immer voller Überraschungen“. Ein Hörabenteuer also. Ganz ähnlich wie die „Verklärte Nacht“.

Zauberhaft ist auch die Idee, der Aufführung des 2. Klaviertrios von Franz Schubert, dem in Es-Dur (D.929), ein ganz bestimmtes schwedisches Volkslied voranzustellen. Der Text, auf Deutsch „Siehe, die Sonne versinkt“, greift das Thema der „Zwischentöne“, das Wesen der Nacht, unmittelbar auf. Schubert hat das Lied durch seinen aus Schweden stammenden Dichterfreund Franz Schober und den Sänger Isak Albert Berg, der in Wien in Schuberts letztem Lebensjahr gastierte, kennengelernt. Im Andante con moto zitiert Schubert, kaum verändert, diese etwas schläfrige Melodie. Doch was der um musikalische Einfälle nie verlegene Komponist, inspiriert und inspirierend wie er war, aus dem doch arg schlichten Volkslied macht, ist eben echter, grossartiger Schubert.

In der Zeit des Barock bezeichnete das „Notturno“ den Zeitpunkt an dem es erklingen sollte. Es war auch in seinem musikalischen Charakter als Unterhaltung der zu abendlichen Empfängen an Fürstenhöfen geladenen Gäste gedacht. Es erklang also keineswegs besonders anspruchsvolle Musik. Das hat sich schon im 19. Jahrhundert geändert. Die Nacht wurde zum Motiv der Dichtkunst und eben auch der Musik, vor allem im Liedschaffen vieler Komponisten. Und das bis zum heutigen Tage. Die Liste ist eindrucksvoll. Von Franz Liszt, der immer wieder von Liebe geträumt hat über Debussy, der bilderreich einen Abend in Granada schildert, Lili Boulanger, die eine zauberhafte Nocturne-Petitesse geschrieben hat bis zu dem amerikanischen Klangmagier George Crumb, der die letzte seiner Nocturne genannten, höchst experimentell angelegten Nachtmusiken als Geste an die Vergangenheit „con sentimento di nostalgia“ gespielt wissen wollte.

Elmar Weingarten

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Die Künstler

Programm

"Ainsi la nuit"

Die Konzerte (ausser Late-Night) finden im Barocksaal des Klosters statt

Sonderveranstaltung: Musikalische Klosterführung
Eine Führung durch das Barockkloster mit musikalischen Überraschungen
Freitag, 25. Oktober 2019 16.00 Uhr Details »
Eröffnungskonzert Freitag, 25. Oktober 2019 19.00 Uhr Details »
Late Night: Noche de Tango Freitag, 25. Oktober 2019 22.30 Uhr
Hotel Terrace, Belle Epoque Saal
Details »
Matinee: "Apparitions" Samstag, 26. Oktober 2019 11.00 Uhr
10.15 Uhr Einführung
Details »
Offene Werkstatt-Probe mit dem Merel Quartett für
junge und andere interessierte Zuhörer
Samstag, 26. Oktober 2019 15.00 Uhr Details »
Abendkonzert: "Rencontres nocturnes" Samstag, 26.Oktober 2019 19.00 Uhr
Anschliessend Diner mit den Künstlern
Details »
Matinee Musik & Literatur: Gedichte an die Nacht Sonntag 27. Oktober 2019 11.00 Uhr
(Winterzeit Umstellung!)
Details »
Abschlusskonzert: "Verklärte Nacht" Sonntag, 27. Oktober 2019 17.00 Uhr
Anschliessend Apéro
Details »

Tickets

Packages und Hotelzimmerbuchungen:
Festivalhotel H+ Hotel & Spa
H+ Hotel
per email
oder Telefon +41 (0)41 639 58 58

 

Festivalpässe und Einzelkarten:
zwischentoene.kulturticket.ch

Kat.1 Kat.2 Studenten/Schüler
Festivalpass alle 7 Konzerte
ohne Sonderveranstaltungen
CHF 280.- CHF 235.- CHF 130.- Tickets »
 
Eröffnungskonzert Fr 25. Okt 19.00 CHF 53.- CHF 43.- CHF 25.- Tickets »
Late Night - Tango Sensations
Fr 25. Okt 22.30 CHF 35.- CHF 35.- CHF 20.- Tickets »
Matinee "Apparitions" Sa 26. Okt 11.00 CHF 48.- CHF 38.- CHF 25.- Tickets »
Offene Werkstattprobe
Sa 26. Okt 15.00 CHF 20.- (Freie Platzwahl) CHF 10.- Tickets »
Abendkonzert "Rencontres Nocturnes" Sa 26. Okt 19.00 CHF 53.- CHF 43.- CHF 25.- Tickets »
Matinee Musik & Literatur So 27.Okt 11.00 CHF 48.- CHF 38.- CHF 25.- Tickets »
Abschlusskonzert "Verklärte Nacht" So 27.Okt 17.00
anschliessen Apero, ein Getränk inklusive
CHF 58.- CHF 48.- CHF 25.- Tickets »
 
Sonderveranstaltung: Musikalische Klosterführung Fr 25.Okt 16.00 CHF 20.- Tickets »
Diner im H+ Hotel Sa 26.Okt ca. 21.00 CHF 35.- Tickets beim Samstag Abendkonzert dazu wählbar
 
Packages
H+Hotel und tickets
Fr/Sa (1 Nacht/5 Konzerte): CHF 265.-
Sa/So (1 Nacht/5 Konzerte): CHF 280.-
Fr-So (2 Nächte/7 Konzerte): CHF 440.-
per email
oder Telefon
+41 (0)41 639 58 58
 

Info

Festivalhotel

Das Festivalhotel H+ Hotel & Spa bietet für Besucher des Festivals Spezialkonditionen. Buchen Sie zusammen mit den Konzertkarten, und wohnen Sie im selben Hotel wie die Künstler.

Informationen zum Hotel: www.h-hotels.com

 

Diner

Im Anschluss an das Abendkonzert vom Samstag 26.Oktober wird im Restaurant des H+ Hotel ein gemeinsames Diner mit den Musikern stattfinden.

Hier finden Sie das Menü.

Bitte beim Kauf der Tickets für das Samstag Abendkonzert dazuwählen

Kontakt

Pedro Zimmermann, Geschäftsführer

zimmermann[at]zwischentoene.com

 

 

Anreise

Bahn: 43 Min. ab Luzern. Letzte Verbindungen ab Engelberg 21.02/22.02/22.30/23.30 Uhr. 

Das Kloster ist vom Bahnhof in 8 Minuten zu erreichen. 

 

Auto: Anfahrt über Stans. Besucherparkplätze beim Kloster. 

 

 

Fotocredits

Titelfoto Kloster: Christian Perret
Merel Quartett und E. Mätzener: Hannes Heinzer
ME. Woodside, R. Rosenfeld, A D'Amico: Marco Borggreve im KKL Luzern
J. Banse: Susie Knoll
R. Rabinovich: Balazs Borocz
J. Dähler: Rainer Suck
I. Ungureanu: A. Zihler
U. Stanic: Stefan Preradović
M. Nisinman: Laura Tenenbaum

 

 

Gönner

Spezieller Dank geht an die äusserst grosszügige finanzielle und ideelle Unterstützung des Gönnervereins Freunde des Kammermusikfestivals Zwischentöne Engelberg.

 

Werden auch Sie Mitglied und ermöglichen so eine erfolgreiche Weiterführung dieses Festivals. Informationen an der Konzertkasse oder unter goenner[at]zwischentoene.com

Partner

Wir danken unseren Partnern:

Alice Rosner Foundation - Elsener-Gut Stiftung - Geert und Lore Blanken-Schlemper Stiftung - Sarna Jubiläumsstiftung - Schüller-Stiftung - Stiftung Dr. Robert und Lina Thyll-Dürr - Schyn Holding AG - Verein Freunde Zwischentöne Engelberg